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Bunte Kartoffelvielfalt: 10 Fragen an Karsten Ellenberg

Kartoffel ist nicht gleich Kartoffel: Die beliebte Knolle bietet eine große Vielfalt und wohl kaum ein Ort beherbergt so viele wie der Hof der Ellenbergs.

Viele bunte Kartoffelsorten
Kartoffeln können um einiges vielfältiger sein als die wenigen Supermarktkartoffeln [Foto: Ellenberg´s Kartoffelvielfalt]

Karsten Ellenberg ist Kartoffelzüchter aus Leidenschaft. Auf seinem Hof in Barum baut er die verschiedensten Sorten an. Dort hat er sich dem Erhalt von alten Sorten verschrieben und züchtet zusätzlich seine eigenen, die im Gegensatz zu den Supermarktkartoffeln eine Vielfalt an verschiedenen Eigenschaften aufweisen. Im Interview erzählt er von dieser Kartoffelvielfalt, den beliebtesten Sorten der Deutschen und gibt Tipps für den Anbau im eigenen Garten.

Kartoffeln scheinen bei Ihnen und Ihrer Familie die große Leidenschaft zu sein. Wie ist es denn dazu gekommen?

Ich bin mit Kartoffeln groß geworden. Schon mein Vater hat Kartoffeln angebaut und vor ihm meine Großeltern. Kartoffeln waren immer toll, sowohl für die Landwirtschaft, wie auch für unsere Familie. Insgesamt sind sie leicht anzubauen und ertragreich, gut zu lagern und man konnte auch immer etwas Geld verdienen. Und schmecken tun sie sowieso.

Wann kam es denn dazu, dass Sie sich den besonderen Kartoffelsorten gewidmet haben?

1990 haben wir auf den Öko-Anbau umgestellt und Ende der 90er Jahre habe ich angefangen, alte Kartoffelsorten zusammenzusuchen. Da haben wir gesehen, dass die Leute die Sorten auch früher schon einfach gekreuzt haben. Daraufhin haben wir selber ein bisschen angefangen zu züchten. Das war total faszinierend. So etwas wie blaue Kartoffeln waren mir als Landwirt völlig unbekannt. Und so wie die verschiedenen Sorten unterschiedlich aussehen, sind sie natürlich auch unterschiedlich im Geschmack. Daraufhin haben wir die Kartoffelvielfalt entwickelt.

Mittlerweile haben Sie ja eine enorme Vielfalt an verschiedenen Kartoffelsorten. Wie viele sind es denn genau?

Wir haben ungefähr 150 Sorten, davon etwa 35-40 Sorten jedes Jahr im Anbau zum Vertrieb. Der Rest wird nur zur Zucht und zur Beobachtung genommen und ins Archiv gestellt, damit wir später auf sie zurückgreifen können. Somit sind wir praktisch unabhängig.
Wir haben natürlich auch den Austausch mit Genbanken, zum Beispiel mit der Kartoffelgenbank Groß Lüsewitz bei Rostock. Außerdem habe ich Kontakt nach Edinburgh, zu der Kartoffelgenbank dort. Das ist mit die größte in Europa. Auch mit der weltgrößten Kartoffelgenbank in Lima, Peru, stehe ich in Verbindung. Die haben sehr interessante Sorten. Die Vielfalt hört also noch nicht auf.

Worin bestehen bei so einer großen Vielfalt überhaupt noch die Unterschiede zwischen den Sorten?

Die europäischen Sorten oder die, die im Handel so üblich sind, unterscheiden sich nur noch geringfügig.
Die älteren Sorten oder die Wildkartoffeln sind da um einiges vielfältiger. Diese kann man zum einen in der Schalenfarbe unterscheiden. Sie kann von hellgelb über rot-gelb gefleckt bis hin zu schwarz-lila variieren. Genauso verschieden kann natürlich auch die Fleischfarbe der Kartoffel sein und auch die Form der Knollen. Und so unterschiedlich wie sie aussehen, so unterschiedlich schmecken sie auch. Zwischen herb, erdig-herb, kräftig, süß, buttrig, nussig und mehlig ist alles dabei. Auch hat jede Person ihre eigenen Vorlieben beim Geschmack der Kartoffel. Es gibt Sorten, die mag einer sehr gerne und ein anderer zum Beispiel gar nicht.

Bunte Kartoffelsorten auf blauem Holztisch
Kartoffeln unterscheiden sich in Schalenfarbe, Fleischfarbe, Form und Geschmack [Foto: Ellenberg´s Kartoffelvielfalt]

Warum ist es Ihnen so wichtig, die Kartoffelvielfalt zu erhalten?

Wichtig ist, dass es eine Vielfalt gibt, die dem Verbraucher zugänglich ist und dass es verschiedene Formen, Farben und Geschmacksnuancen gibt. Hat man eine Universalsorte weltweit, dann kann der Händler dort einkaufen, wo die Sorte am günstigsten ist. Hat man aber Sorten, die vielseitiger sind, ist man als Bauer nicht so austauschbar. Außerdem sind Kartoffeln oft von Schadorganismen befallen. Viren, Bakterien und Pilze können dazu führen, dass Sorten nicht gedeihen. Um dem entgegenzuwirken, arbeitet man in der modernen Zucht mit Resistenzen. Schadstoffe und Schadorganismen können jedoch immer wieder neu entstehen. Hat man hingegen eine große Vielfalt von Sorten, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass per Zufall eine Resistenz entsteht.

Wenn Sie gerade schon vom Züchten sprechen: Wie funktioniert das überhaupt?

Neben der vegetativen Vermehrung gibt es die geschlechtliche. Blüht die Kartoffel, dann kann ich den Pollen einer anderen Sorte zu dieser Pflanze rüberbringen und es entsteht eine Kartoffelbeere. Die Beere und ihre kleinen Saatkörner, die ich zum Trocknen bringe, sind beim Züchten das Entscheidende. Aus jedem Saatkorn kann eine neue Sorte werden. Diese sind zwar untereinander verwandt, aber genetisch dennoch verschieden. Die Aufgabe der Zucht ist es, je nachdem was für Wünsche ich habe, zu selektieren. Bei uns im Öko-Anbau ist das so, dass wir eine Sorte wollen, die sich behaupten kann, indem sie schneller und kräftiger wächst als die Wildkräuter. Auch mit weniger Dünger und nur mit Biodünger sollte sie gut wachsen und möglichst einige Resistenzen haben. Schmecken muss sie natürlich auch, denn das ist schließlich das Entscheidende.
Jeder Hobbygärtner kann das auch machen: Dazu nimmt man eine Beere und lässt sie ausreifen bis sie ein bisschen weich ist. Anschließend wäscht man die Saatkörner aus der Beere aus und kann diese im nächsten Frühjahr ausbringen.

Viele Reagezgläser mit Jungtrieben
Die verschiedenen Samen werden ausgesät und im Kühlraum getrennt gehalten [Foto: Ellenberg´s Kartoffelvielfalt]

Was können wir denn für Sorten von Ihnen in Zukunft erwarten?

Ganz genau kann ich das nie sagen, denn die Natur hat ihre eigenen Regeln. Im Moment züchten wir an einer tiefgelben Sorte. Die reift gerade noch ein bisschen, aber ich bin schon gespannt, wie sie schmeckt. Relativ neu sind auch noch unsere Geschmackssorten. Das sind die Heidemarie, die Rote Emmalie und die Blaue Anneliese. Ich lasse mich gerne von der Natur überraschen. Viele Sorten sind so verschieden im Geschmack. Neben der handelsüblichen Kartoffelart, der Solanum tuberosum, gibt es auch weitere Kartoffelarten wie die Solanum phureja. Die Kartoffelsorten dieser Art, wie z.B. die ˈMayan Twilightˈ oder die ˈMayan Goldˈ schmecken leicht süßlich. Geschmacklich kann man bei den Kartoffelsorten noch viel entwickeln, was dann auf dem Markt später erhältlich sein kann. Da bin ich selber noch gespannt.

Aber jetzt erzählen Sie mal:  Was sind so die beliebtesten Sorten der Deutschen?

Wie schon seit vielen Jahren ist das die ˈLindaˈ. Das ist eine festkochende, gelbfleischige Sorte. Dann gibt es noch die rotschalige ˈLauraˈ, die sehr beliebt ist. Es gibt die ˈAnnabelleˈ, das ist eine frühe, neuere Sorte, die auch schon früh ihr Aroma hat. Die ˈAgriaˈ ist tiefgelb und wird gerne für Pommes genommen. Im mehligen Bereich haben wir zum Beispiel die ˈGundaˈ, das ist ebenfalls eine neuere Sorte. Daneben gibt’s die ˈAdrettaˈ, die kommt aus Deutschland und ist eine etwas ältere Sorte mit einem kräftigen Aroma.

Haben Sie denn auch eine persönliche Lieblingssorte?

Die ˈBlaue Annelieseˈ. Sie ist tiefblau, festkochend und schön speckig, sodass sie dann auch ein schönes Aroma hat.

Kartoffelsorte Blaue Anneliese mit tiefblauem Fleisch
Die ˈBlaue Annelieseˈ besticht mit ihrer tiefblauen, beinahe violetten Farbe [Foto: Ellenberg´s Kartoffelvielfalt]

Angenommen ich möchte eine ganz ausgefallene und exotische Sorte, welche würden Sie mir empfehlen?

Wieder die ˈBlaue Annelieseˈ oder auch die ˈHeiderotˈ, sie haben beide schönes farbiges Fleisch.
Eine neuere Sorte ist zum Beispiel ˈNemoˈ. Sie erinnert mit ihrer rot-gelb gescheckten Schale ein wenig an einen Anemonenfisch. Sie ist mehlig und eher fruchtig und kommt von einem holländischen Züchter.

Kartoffelsorte Nemo mit rot gelb gefleckter Schale
Nicht nur der Name der Sorte ˈNemoˈ erinnert an den bekannten Clownfisch [Foto: Ellenberg´s Kartoffelvielfalt]

Ich vermute jetzt mal, dass nicht jede Sorte gleich gut im heimischen Garten gedeiht. Welche Sorten würden Sie denn unseren Lesern für den Eigenanbau im Garten empfehlen?

Auf alle Fälle die ˈLindaˈ, denn die wächst deutschlandweit überall und verträgt außerdem etwas Trockenheit. Die ˈHeiderotˈ und die ˈBlaue Annelieseˈ sind sehr robust im Anbau. Die beiden reifen etwas später, sind also nicht unbedingt als Frühkartoffel geeignet, dafür nachher im Lager wunderbar. Auch sie kann man deutschlandweit überall anbauen.

Jetzt nutze ich nochmal die Chance, dass ich mit so einem Kartoffel-Profi rede: Was sollte man als Hobbygärtner beim Kartoffelanbau beachten?

Es ist wichtig, robuste Sorten zu nehmen, die man auch mal das Jahr danach wieder anbauen kann und nicht sofort neues Pflanzgut kaufen muss. Im Anbau ist es praktisch, eine frühe und eine späte Sorte zu haben. Damit hat man früh schon etwas zu essen und kann die Späten dann besser lagern. Eine frühe Sorte wäre beispielsweise die ˈAnnabelleˈ. Zur Lagerung kann man auch manchmal den Kühlschrank nehmen, wenn man keinen kalten Keller hat. Wichtig ist nur, dass die Kartoffeln dunkel gelagert werden, sonst werden sie grün durch das Sonnen- oder Lampenlicht. Man kann sich auch an etwas spezielleren Sorten versuchen, wie den Fingerling – Sorten. Da haben wir die ˈLa Ratteˈ oder auch den ˈAngeliter Tannenzapfenˈ, den ˈRosa Tannenzapfenˈ und die ˈBamberger Krumbeereˈ. Das sind Sorten, die aufgrund ihrer Form und Größe etwas schwieriger zu ernten sind, aber von Hand geht das schon. Dafür sind sie geschmacklich sehr interessant.

Kartoffelsorte Linda auf Gras
ˈLindaˈ ist aufgrund ihrer Robustheit und ihres guten Geschmacks eine beliebte Sorte unter Gärtnern und Genießern [Foto: Ellenberg´s Kartoffelvielfalt]

Zum Abschluss hätte ich noch eine letzte Frage: Ihr ganzer Beruf dreht sich ja um die Kartoffel. Wie sieht da Ihr privater Garten aus? Bauen Sie dort auch Kartoffeln an?

In unserem Garten haben wir mehr Obstbäume und andere Früchte, Himbeeren und ein paar Erdbeeren, die ich nicht auf dem Feld habe. Aber für mich sind eigentlich die Felder mein Garten.

Wer mehr über die Vielfalt der Kartoffelsorten erfahren möchte, schaut am besten hier auf dem Hof der Familie Ellenberg vorbei.

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