skip to Main Content

Vielfalt bewahren: ARCHE NOAH im Interview

Viele Gartenfreunde haben schon mal vom Verein ARCHE NOAH gehört. In unserem Interview gibt es unter anderem Tipps für Hobbygärtner.

Saatgut

ARCHE NOAH engagiert sich für die Erhaltung und Entwicklung der Kulturpflanzenvielfalt [Foto: Maria Evseyeva/ Shutterstock.com]

Der Verein ARCHE NOAH entstand 1989 auf Initiative von GärtnerInnen, BäuerInnen und JournalistInnen, die das Saatgut als Grundlage der Ernährung buchstäblich wieder in die eigenen Hände nehmen wollten. Denn: Seit 1900 ist die Vielfalt unserer Kulturpflanzen durch die Industrialisierung der Landwirtschaft weltweit dramatisch – um 75% – zurückgegangen. Heute gefährden Gentechnik, Saatgut-Monopole, Klimawandel und Kriege dieses kostbare Erbe.

ARCHE NOAH im Interview

ARCHE NOAH hält dem Rückgang der Vielfalt eine positive Vision und verschiedene Aktivitäten entgegen. Im Interview erzählt uns der Verein mehr zu seiner Arbeit und seiner Vision.

Was ist die Motivation und das Ziel der ARCHE NOAH?

Seit dem Jahr 1900 sind 75% der gesamten Kulturpflanzenvielfalt, so schätzt die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen), unwiederbringlich verloren gegangen. In Industrieländern der westlichen Welt bis zu 90%. Rationalisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft, tiefgreifende soziale Veränderungen, das Zusammenrücken von Saatgutzüchtung, Pflanzenproduktion und chemischer Industrie sowie gesetzliche Rahmenbedingungen führen weltweit zu massiven Verlusten an lokalen Sorten und bäuerlichem Saatgut-Wissen. An diesem Punkt setzen wir als gemeinnütziger Verein ARCHE NOAH an. Unser Verein engagiert sich seit fast 30 Jahren für die Erhaltung und Entwicklung der Kulturpflanzenvielfalt in Gärten, auf Äckern und Märkten, für den verantwortungsvollen Umgang in Politik und Wirtschaft mit den uns anvertrauten Ressourcen sowie für die Vermittlung der Vielfalt als Teil unserer Lebensqualität: Ökologisch, kulinarisch, ästhetisch, ethisch, lustvoll und freudig! Wir sind der Meinung, dass wir Menschen die Fähigkeit haben, schöpferisch und verantwortungsvoll zu handeln. Heute kann jeder für die Erhaltung und Weiterentwicklung dieses Reichtums aktiv werden. Denn nur gemeinsam können wir unser vielfältiges Kulturerbe erhalten!

Worin genau besteht Eure tägliche Arbeit? Wie muss man sich das vorstellen?

Die Arbeitsfelder sind bei uns sehr breit aufgestellt. Einerseits haben wir ja eine Botschaft, die es gilt weiterzutragen und in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Eine unserer Hauptaufgaben besteht jedoch auch im Sammeln, Verwahren und Bewahren von Saatgut. All das geschieht in unserem ARCHE NOAH Samenarchiv.

ARCHE NOAH Samenarchiv

Im ARCHE NOAH Samenarchiv lagert Saatgut von ca. 5.500 verschiedenen Kulturpflanzen [Foto: ARCHE NOAH/Rupert Pessl]

Die politische Arbeit des Vereins ist aber für den Erhalt der bunten Vielfalt ebenfalls essentiell. Denn an Verhandlungstischen und in Parlamenten wird entschieden, was auf Acker, Beet & Markt passieren darf. Daher setzt sich die ARCHE NOAH aktiv für bessere Gesetze ein.  Es werden viele verschiedene Kampagnen zu diversen Themen organisiert und wir haben auch Vereinsmitarbeiter in Brüssel sitzen, die sich für diese Themen einsetzen. Ganz aktuell ist derzeit die Kampagne „Kein Patent auf Saatgut“ oder auch der Einsatz für eine neue Bio-Verordnung, denn das EU-Saatgutrecht beschränkt seit Jahrzehnten die Vielfalt von Gemüse, Getreide und Obst in Europa.

Wie bringt Ihr den Menschen Eure Botschaft näher?

Wir betreiben natürlich viel Aufklärungsarbeit, sei es in der Öffentlichkeit bei Veranstaltungen, Infoständen oder im Internet. Aber auch durch Aufklärung direkt im Garten. Im ARCHE NOAH Schaugarten in Schiltern kann man wunderbar in vielen verschiedenen Beeten unterschiedlichste Raritäten entdecken und darüber lernen und sich so Inspiration für den eigenen Garten holen. Aber es werden auch unterschiedliche Kurse und Workshops das ganze Jahr über von ARCHE NOAH angeboten. Hier lernt man, wie man Saatgut selbst gewinnen kann, wie man richtig biologisch im Garten arbeitet, wie man selbst leicht Obstbäume schneiden kann und ganz viel mehr.

Was genau hat es mit dem Samenarchiv auf sich?

Das ARCHE NOAH Samenarchiv in Schiltern ist natürlich unser Herzstück. Dieses lagert Saatgut von an die 5.500 verschiedenen Kulturpflanzen. Hier gibt es natürlich jede Menge zu tun, denn einmal archiviert bedeutet bei Saatgut nicht gleich, dass es dann auch für die Ewigkeit haltbar ist. Hier kommt unser Samenarchiv-Team ins Spiel. Die Herausforderung ist hier, die tausenden Sorten regelmäßig in den Anbau zu bringen und so ihre Keimfähigkeit immer wieder zu erneuern, denn das Sichern einer bestimmten Keimfähigkeit durch regelmäßigen Anbau ist gleichzeitig die Qualitätssicherung. Ein Backup der Sammlung wird auch in Gefrierschränken gelagert. Das hat den Vorteil, dass sie die Keimfähigkeit nicht verlieren, allerdings bekommt dieses Saatgut dann aber auch nichts von den Umwelteinflüssen mit und kann sich somit nicht daran anpassen. Daher müssen diese auch immer wieder aus dem Archiv genommen, neu angebaut werden und daraus wieder das Saatgut geerntet werden. Natürlich spielt hier dann auch die Weiterentwicklung neuer, samenfester Sorten eine Rolle. Bei diversen Feldversuchen werden durch Kreuzung und Selektion neue Sorten entwickelt, aber auch alte Raritäten getestet.

Keimlinge

Die tausenden Sorten müssen regelmäßig in den Anbau gebracht werden, um ihre Keimfähigkeit immer wieder zu erneuern [Foto: amenic181/ Shutterstock.com]

Warum ist es wichtig, sich um die Sortenerhaltung zu kümmern?

Es ist gerade mal ein paar tausend Jahre her, dass wir Menschen auf die Idee kamen, uns nicht allein auf das Sammeln und Jagen zu verlassen. Durch Nutzung und Auslese entwickelten die Bauern & Bäuerinnen die VIELFALT von Kulturpflanzen und Nutztieren. Sie entdeckten dürreresistente Hirsen, kultivierten schnell und langsam keimende Kartoffeln, dickwurzelige Pastinaken, backfähiges, geschmackvolles Getreide, feines Gemüse, scharfe Gewürze, süßes Obst. Diese von Menschenhand entwickelte KulturpflanzenVIELFALT war das Ergebnis eines schöpferischen Umgangs mit der Natur, nicht nur um das blanke Überleben zu sichern, sondern auch als Ausdruck von Genuss, Lebensfreude und Esskultur. Die Vielfalt an Nutzpflanzen ist eine Grundlage unseres Lebens und eine Schatzkammer. Sie sichert, dass unsere Landwirtschaft sich an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann und dass auch für Gegenden mit extremen Bedingungen geeignete Kulturpflanzen zu Verfügung stehen. Gemeinsam müssen wir diesen Schatz der Vielfalt wahren, um die Zukunft zu sichern.

Was würde passieren, wenn das nicht gemacht würde?

Was uns Sorgen macht ist, dass der genetische Pool enger wird. Wenn wir die Sortenvielfalt nicht erhalten, wird uns irgendwann dieser bunte Schatz nicht mehr zu Verfügung stehen und nur noch ein Einheitsbrei. Das Bewusstsein für die Vielfalt und das Wissen zum Anbau und der Erhaltung kann verloren gehen und die biologische und nachhaltige Landwirtschaft kann einen wertvollen Partner verlieren. Vielfalt ist nun einmal eine wichtige Ressource in der Erhaltung und Entwicklung samenfester Sorten. Auch wenn man es schon oft gehört hat, aber der Klimawandel ist in der heutigen Zeit einfach spürbar. Durch diese Veränderungen stehen uns immer weniger Sorten zu Verfügung, die das Potenzial zur Anpassung mitbringen und uns zukünftig auch ernähren. Eine große Sortenvielfalt garantiert uns aber, dass wir uns die beste Sorte für die jeweiligen Anforderungen aussuchen können. Diese Pflanzen sind auch viel resistenter und müssen deutlich weniger gespritzt werden. Aber noch wichtiger ist, dass Einheitsgemüse einfach fad ist. Wer will denn schon immer das gleiche essen? Vielfalt in Farbe, Geschmack und Form bringt Freude in der Küche und am Teller.

Was sind Erfolge, die Ihr verzeichnen könnt, wenn Ihr auf Eure Arbeit der letzten Jahre zurückblickt?

Ein Erfolg für uns ist sicherlich, dass bereits 5.500 Samen von verschiedenen Kulturpflanzen in guter Obhut sind und dabei unterstützt uns ein Netzwerk privater und dezentraler ErhalterInnen. Hierbei ist die Dezentralität und „on-farm“-Erhaltung von Vorteil gegenüber rein konservatorischer, zentraler Einlagerung. Die Sorten werden natürlich auch in gemeinsamen Züchtungsprojekten mit Klein-Landwirten, Bio-Gärtnereien bis hin zu Handel und Gastronomie weiterentwickelt. Ganz besonders stolz sind wir auch auf unsere 16.000 Mitglieder und Förderer, die wir dazu gewonnen haben uns aktiv, zum Beispiel bei Kampagnen und Projekten, zu helfen, die aber auch finanziell die Idee von ARCHE NOAH unterstützen. Diese Menschen sichern unsere Unabhängigkeit und geben unserer politischen Arbeit Stärke. Und wenn man schon bei der politischen Arbeit ist, in Allianz mit anderen Umwelt-NGOs wurde auch schon einiges erreicht. Es gibt zum Beispiel ab 2021 bessere gesetzliche Rahmenbedingungen für Erzeugung und Handel mit Bio-Saatgut/nicht-heterogenem Material. Wir wehren uns als David gegen Goliath gegen Patentierungen auf Pflanzen/Inbesitznahme von genetischem Material durch Konzerne. Soeben hat unser Masseneinspruch gegen ein Tomatenpatent zu einer Rücknahme durch den betroffenen Saatgutkonzern Syngenta geführt.

Blütenpracht mit Pavillion

Vielfalt ist eine wichtige Ressource in der Erhaltung und Entwicklung samenfester Sorten [Foto: ARCHE NOAH/Rupert Pessl]

Worauf seid Ihr besonders stolz?

2014 wurden neun Traditionen in das Österreichische Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen – darunter auch das vom Verein ARCHE NOAH eingereichte Element „Traditioneller Samenbau und Saatgutgewinnung“. Für uns eine großartige Errungenschaft! Des Weiteren gibt es nun auch schon zahlreiche Publikationen von ARCHE NOAH mit anderen ExpertInnen wie Kochbücher und Fachbücher zu Obst, Gemüse, Samenvermehrung und vieles mehr, auf die wir sehr stolz sind. Auch bei Kursen können sich Interessierte Wissen zu den verschiedensten Gartenthemen aneignen – das ist uns sehr wichtig, denn das Wissen darf genauso wie die Vielfalt nicht verloren gehen.

Gibt es Dinge, die Euch in Bezug auf die Zukunft Sorgen bereiten? Wenn ja, welche?

Wie bereits erwähnt, bereitet uns natürlich auch die Klimaveränderung Sorgen, denn langjährig bewährte Sorten versagen bereits. Auch das Insektensterben ist mit großem Bauchweh zu beobachten. Insekten haben einen direkten Einfluss auf die Bestäubung und Vermehrung von Pflanzen und sind somit sehr wichtig für uns. Ein weiterer Punkt ist die Saatgutmonopolisierung – diese lässt sich nur sehr schwer bis gar nicht aufhalten. Es wird versucht, Patentierungen auf herkömmliche Züchtungen von Pflanzen und Tieren durchzubringen. Letztlich profitieren aber nur die großen Konzerne von diesen Patenten und erlangen eine zunehmende Kontrolle über unsere Lebensgrundlagen. Es kommen auch neue Züchtungstechniken zum Einsatz, welche als harmlos abgetan werden. Was für Risiken diese Techniken aber mit sich bringen ist nicht klar und lassen sich auch nicht abschätzen.

Was kann der normale Hobbygärtner tun, um Artenvielfalt in seinem Garten zu fördern? Habt Ihr Tipps parat?

Wenn man selbst in einem Garten oder auch am Balkon anbaut, dann ist der beste Schritt, etwas von der noch verfügbaren Vielfalt auszuprobieren. Bei uns und anderen Saatgutinitiativen oder bei professionellen Biozüchtern und im gut sortierten Handel bekommt man das passende samenfeste Saatgut. Samenfestigkeit ist das Ergebnis einer natürlichen Züchtung – und Samen von diesen Pflanzen können dann als eigenes Saatgut geerntet und für die nächste Saison verwendet werden. Das nötige Wissen dazu zu vermitteln, ist ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit. Also ran an die Schaufel!

Ernte aus dem eigenen Garten

Auch Vielfalt im eigenen Garten trägt einen wertvollen Teil bei [Foto: sirtravelalot/ Shutterstock.com]

Kulturpflanzen gehören in die Erde, egal ob im Garten, auf dem Balkon oder der Terrasse. Wer die phantastische Pflanzenvielfalt einmal kennenlernt, wird sicher tatendurstig. Bei uns im Schaugarten, mit unseren Garten- und Kochbüchern, bei Vorträgen oder in unserm Online-Shop kann man sich inspirieren lassen. Eine super Fundgrube ist auch unser Mitglieder-Netzwerk, wo private GärtnerInnen ihre Schätze zum Tausch oder gegen einen Unkostenbeitrag anbieten. Da wächst sicher die Lust am Probieren. Das passende Saatgut oder auch bereits vorgezogene Jungpflanzen zu erwerben ist ein großer Schritt in das Abenteuer Vielfalt – danach kommt: anbauen, pflegen, beobachten, ernten, überlegen, was man damit kochen kann, etc. Auch wenn es absurd klingt, aber Retten durch Essen hilft. Nur was uns schmeckt, hat langfristig eine Chance, auch am Acker zu überleben.

Findet Ihr es wichtig, Kindern das Thema Gärtnern näher zu bringen?

Kinder miteinzubeziehen ist genauso wertvoll. Wenn sie zuschauen und mithelfen können, wie etwas wächst und was es dazu braucht, sind sie sicher auch neugierig, wie es dann später schmeckt. Wenn Kinder mit den verschiedensten Sorten, ihrer Formen- und Farbenvielfalt in Kontakt kommen, den Unterschied schmecken können, dann legt man hier einen wesentlichen Grundstein, ob der Mensch im erwachsenen Leben an Vielfalt interessiert ist oder nicht. Einfach ausprobieren und Mut zu neuen alten Sorten haben. Wenn einmal etwas nicht so gelingt, dann ist die Schatzkiste groß genug, um etwas anderes auszuprobieren. Aber man kann auch einen Beitrag zur Erhaltung der Vielfalt ohne eigenes Grün leisten.

Hier ein paar Tipps der ARCHE NOAH im Überblick:

  1. Achten Sie beim Kochen bewusst auf die Sorten, die Sie verwenden. Schulen Sie Ihre Sinne. Laden Sie Familie und Freunde zum Essen ein und begeistern Sie sie für seltene Sorten – Liebe geht durch den Magen!
  2. Kaufen Sie sooft es möglich ist direkt beim Bauern oder am Bauernmarkt ein. Wählen Sie bevorzugt biologisch produzierte, saisonale Produkte aus der Region.
  3. Fragen Sie nach Lebensmitteln aus seltenen Kulturpflanzen und aus handwerklicher, nichtindustrieller Verarbeitung.
  4. Fragen Sie auch im Restaurant danach!
  5. Wählen Sie PolitikerInnen, die für eine bäuerliche und nachhaltige Landwirtschaft – ohne Gentechnik – eintreten.

Wie kann man Euch unterstützen?

Die Kulturpflanzenvielfalt ist riesengroß. Dafür muss auch in Zukunft genügend Platz auf der ARCHE NOAH sein. Aber den kann es nur geben, wenn sich möglichst viele Menschen unserer Mission anschließen und uns unterstützen. Sie können zum Beispiel ARCHE NOAH Mitglied werden oder, mit einer dauerhaften Spende, Förderer der Vielfalt! Unsere Mitglieder und Förderer helfen uns dabei, dass wir diese Arbeit fortsetzen können.

Wir freuen uns auch über Besuche im ARCHE NOAH Schaugarten in Schiltern! Kommen Sie mit Familie und Freunden und verbringen Sie einen schönen Tag umgeben von Raritäten und erzählen Sie allen davon. Wirklich jede Unterstützung trägt Früchte.

Info:

Mehr zur ARCHE NOAH und zur Mitgliedschaft unter www.arche-noah.at, oder per Mail an info@arche-noah.at

Veranstaltungs-Tipps:

Pflanz die Vielfalt-Tage vom 27. bis 28. April 2019

ARCHE NOAH Bio-Pflanzenmarkt am 1. Mai 2019 im Schaugarten in Schiltern

Österreichweite Bio-Jungpflanzenmärkte im Frühjahr: Alle Infos unter https://www.arche-noah.at/einkaufen/bio-pflanzenmaerkte

Viele weitere Events im ARCHE NOAH Schaugarten sowie das Bildungsprogramm unter www.arche-noah.at/kalender

Back To Top